Schlagwörter: Aufbereitete Altertümer

“Wer zwey Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an.”

Georg Christoph Lichtenberg, Die Aphorismen-Bücher, hg. v. Albert Leitzmann, Haffmans bei Zweitausendeins, 7,99 €
Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher. Kritische Ausgabe, 3 Bde., hg. v. Wolfgang Promies, dtv, 29 €

Lichtenberg ist in Mode und das schon seit einiger Zeit. 1999, zur Feier seines 200sten Todestages, erschienen diverse Auswahlbände seiner besten Aphorismen, die besseren davon herausgegeben von Robert Gernhardt. In diesem Jahr nun, ohne ersichtlichen kalendarischen Anlaß, behaupten zwei Neuerscheinungen von sich, die authoritative Gesamtausgabe der Sudelbücher zu sein. Gerd Haffmans bringt bei Zweitausendeins, ganz im Sinne der an dieser Stelle schon des öfteren lobend erwähnten Politik der preisgünstigen Klassikerausgaben, die Anfang des 20. Jahrhunderts erschienene Edition von Albert Leitzmann heraus und überschüttet den potentiellen Leser auf dem Umschlag mit Lobeshymnen großer Namen auf Lichtenberg und diese Edition, die im Gegensatz zu vielen anderen die vollständigen Texte in ihrer originalen Gestalt enthalte. Zumindest der zweite Anspruch fällt beim flüchtigen Blättern anhand z. B. der vielen ys anstelle von is ins Auge. In Bezug auf den ersten muß man sich auf den Ruf der Edition oder die vielfältigen Beteuerungen der Neuherausgeber verlassen. Des weiteren findet sich am Ende des Buches ein umfangreiches Sach- und Personenregister.
Nur ein paar Monate später bietet der dtv jetzt eine Ausgabe an, die der Werkausgabe Lichtenbergs im Hanser Verlag folgt und wiederum deutlich umfangreicher ist. Der erste Band enthält den beinahe mit der Zweitausendeins-Ausgabe identischen Textbestand. In Band zwei folgen ergänzend die von Leitzmann ausgelassenen Texte sowie Tagebücher und Materialsammlungen Lichtenbergs zu anderen Werken, den Registern ist ein eigener Band gewidmet.
Welche Ausgabe ist nun empfehlenswerter? Das hängt von mehreren Faktoren ab. Zum ersten: die Zweitausendeins-Ausgabe ist deutlich billiger und damit erschwinglicher. Wer Lichtenberg kennenlernen will, sich einfach nur über gelungene Beobachtungen und Formulierungen freuen wil ist hier sicherlich an der richtigen Adresse. Zumal rund 900 Seiten Text auch schon eine Menge Aphorismen bieten. Zum zweiten: wer Vollständigkeit sucht, wer eine zitable Ausgabe um eigenen Regal stehen haben möchte, fährt mit der dtv-Ausgabe besser, muß dafür aber auch mehr als das dreifache ausgeben.

Grundversorgung

Heinrich Heine, Sämtliche Gedichte in zeitlicher Folge, Insel, 12 €
Was soll man dazu sagen? Für den Fall, daß Sie nicht schon alle Gedichte von Heinrich Heine gelesen oder zumindest im Schrank stehen haben: Kaufen Sie dieses Buch. Kostet nur 12 €. Und wer Heine nicht kennt, der hat ne Bildungslücke.

Paul Celan, Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe, Suhrkamp, 20 €
Die Todesfuge von Paul Celan hat wohl jeder in der Schule zu sich genommen. Zu Recht. Damit hat es sich dann meistens aber auch. Zu Unrecht. Weil Celan in dem Ruf steht, komplizierte und unverständliche Hochliteratur zu schreiben, die sich nur dazu eignet, philologisch hin und her gedreht zum Thema einer germanistischen Doktorarbeit zu werden. Und wie bei den meisten im Volksmund tradierten Meinungen über Dichter handelt es sich auch hier um ein Vorurteil. Man kann Celan lesen. Ohne Magistergrad oder Staatsexamen. Und mann kann Spaß dabei haben. Wenn man will. Hilfreich ist dabei eine vernünftige Edition, die lesbare Texte und einen brauchbaren Variatnten- und Kommentarapparat miteinander verbindet. Und nicht den Rahmen des Budgets sprengt. Exakt 1000 Seiten umfaßt die von Barbara Wiedemann herausgegebene Sammlung nicht nur der von Celan selbst veröffentlichten, sondern auch der aus dem Nachlaß publizierten Gedichte. Im Taschenbuch, ohne teuren Schweinshodenleder-einband, der die Werkausgabe wie die Speisekarte des Gasthauses “Zum toupierten Hirschen” aussehen läßt. Dafür benutzbar, ohne die Ehrfurcht vor dem an den Rand geschmierten Kommentar oder dem zum schnellen Wiederfinden abgeknickten Seitenrand. Und preisgünstig. Fein.

Weiterlesen

“Heute war mein Hochzeitstag, aber ich weiß nicht, der wievielte. Meine Frau sagt, der zehnte.”

Samuel Pepys, Die geheimen Tagebücher, hg. v. Volker Kriegel und Roger Willemsen, Eichborn, 29,90 €
Daß auf dem Vorsatzblatt dieser in jeder Hinsicht erfreulichen Ausgabe der ‘geheimen Tagebücher’ von Samuel Pepys neben Volker Kriegel auch Roger Willemsen als Herausgeber firmiert, ist der Tatsache geschuldet, daß Volker Kriegel im Juni 2003 verstorben ist. Daß es dieses Buch, an dem er lange und freudig gearbeitet hat, trotzdem gibt, ist neben Willemsen der Witwe Ev Kriegel und den zahlreichen Zeichnern (u.a. FW Bernstein, Robert Gernhardt, Bernd Pfarr, Michael Sowa und FK Wächter) zu danken.
Samuel Pepys war Mitglied der englischen Marine und der höheren Bürgerschicht, bis heute bekannt aber ist er für seine Tagebücher, die er in einer Art Privatcode notierte, der erst 1825 soweit entschlüsselt war, daß eine erste Ausgabe möglich war. Nun mag es verwundern, daß sich jemand die Mühe macht, fremder Leute Tagebücher nicht nur zu lesen, sondern sie davor noch mühsam zu entschlüsseln. Zum Teil mag das an der Hoffnung gelegen haben, wertvolle historische Schlüsse zu gewinnen, für den heutigen Leser aber liegt der hauptsächliche Reiz in der Art und Weise, in der Pepys seine Zeit und seine Landsleute, aber auch sich selbst präsentiert und auf den Arm nimmt. Das erinnert in der Übersetzung von Georg Deggerich zuweilen an die Sudelbücher Georg Christoph Lichtenbergs und macht die Lektüre über weite Strecken zu einem erfreulichen Erlebnis. Ebenso erfreulich sind die Illustrationen, die Freunde und Bewunderer Kriegels geliefert haben, so daß es sich hier nicht nur um ein Denkmal für Samuel Pepys handelt, sondern ebenso um eines für Volker Kriegel.

“Wir sind ermächtigt zu erklären, daß diese Neuigkeit jeder Grundlage entbehrt.”

Gustave Flaubert, Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit, Eichborn, 36,90 €
Nachdem uns der Herausgeber und Übersetzer Hanst-Horst Henschen im letzten Jahr schon Flauberts ‘Bouvard und Pécuchet’ beschert hat, erfreut er uns nun mit einem 730 Seiten starken Wälzer, der ‘Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit’. Es handelt sich hierbei um die Vorarbeit für eine Fortsetzung von ‘Bouvard und Pécuchet’, und es findet sich darin kaum ein Satz, der von Flaubert selbst stammt. Versammelt sind hier vielmehr die dämlichsten und albernsten Zitate, die ihm in jahrelanger Lektüre untergekommen sind und mit Hilfe derer man ihre Urheber zumindest lächerlich machen, im besten Falle aber in all ihrer mentalen Debilität entlarven kann. Dieser Kunstgriff findet bis heute rege Verwendung in Kabarett und Kommedie, in Politik und Polemik (wobei die Grenzen hier grundsätzlich verschwimmen). Und wahrlich, es gibt kaum eine simplere und zugleich wirksamere Methode, den verbalen und veröffentlichten Humbug anderer augenfällig zu machen, als ihn schlicht und einfach zu wiederholen. Und so führt Flaubert Werbung für Toiletten-Essig der unbefleckten Empfängnis ins Feld oder auch die interessante Behauptung, Das Opium sei das Lieblingsgetränk der Orientalen. Ein Genuß ist es, einfach zu blättern und sich durch den zutagetretenden Unsinn erfreuen oder -schrecken zu lassen.