Es ist bescheuert, aber es ist so.

Thomas Brussig, Leben bis Männer, Fischer Taschenbuch Verlag,10 €
Thomas Brussig hat sich bisher mit Romanen über das Erwachsenwerden in der DDR hervorgetan, unter anderem mit einem Roman nach dem Drehbuch zu Leander Haußmanns Sonnenallee. Und dieser Roman war gar nicht so schlecht, obwohl er eben der Roman zum Film war. Jetzt hat Herr Brussig ein neues Buch geschrieben und das wäre nun wirklich nicht nötig gewesen. Erfreulicherweise ist es nicht sehr dick und aufgrund dessen innerhalb einer Dreiviertelstunde gut durchzulesen. Das Problem ist nur, und das ist ja auf dieser Distanz auch eine Leistung, daß man sich spätestens nach zwanzig Minuten langweilt. Und das liegt nicht etwa daran, daß es am Stil etwas zu bemängeln gäbe. Im Gegenteil: rein technisch ist das ein gutes Buch. Könnte auch ein Theaterstück sein, es stehen Regieanweisungen darin, oder auch die Mitschrift eines Kabarettprogramms. Da hält einer einen Monolog, redet sich in Fahrt. Leider ist der, der da redet Fußballtrainer und das was er redet fürchterlich uninteressant. Fußballtrainer eines Vereins namens Tatkraft Börde, und der ist, der Name läßt es vermuten, erstens nicht besonders hochklassig und zweitens eben auch in der DDR. Beziehungsweise jetzt in der ehemaligen DDR. Aber über jetzt wird nicht geredet, sondern über früher, als alles auch nicht besser war. Als der Protagonist eine Jugendmannschaft übernommen hat mit der Idee, sie bis in die Altherrenliga zu führen. Dieser Idee verdankt das Buch denn auch seine bemüht literarische Schlußpointe: Eine neue Mannschaft erwarte er heute, gibt der Trainer mehrmals bekannt und die Regieanweisung verlangt zum Schluß anschwellendes Kindergeschrei. Von wegen ewiger Kreislauf und am Ende fängt es wieder von vorne an und so. Nur macht ein literarischer Kunstgriff aus dem Buch noch keine gute Literatur. Besser bedient ist man da allemal, wenn man sich einen Abend in eine Eckkneipe seiner Wahl setzt und den Stammgästen am Tresen zuhört. Da gibts dann wenigstens noch was zu trinken dabei.

Handelt es sich um ein Fahrrad?

Flann O’Brien, Der Dritte Polizist, Suhrkamp TB, 16,80 DM

Natürlich handelt es sich um ein Fahrrad. Wenn dieses Buch von etwas handelt, dann von Fahrrädern. Auf jeden Fall nicht von einem dritten Polizisten. Vielleicht noch von den Lehren des Universalgelehrten De Selby, von dem z.B. die Theorie stammt, bei der Nacht handle ‘es sich um eine unhygienische Veränderung der Atmosphäre, die auf der Verdichtung schwarzer Luft beruht’. Oder von den Zwiegesprächen des Erzählers mit seiner Seele, die er ‘der Einfachheit halber Joe’ nennt. Wer denkt sich sowas aus ? Auf dem Umschlag steht Flann O’Brien, aber das stimmt nur halb. Eigentlich hieß der Mann Brian O’Nolan und war Angestellter der irischen Regierung, was ihm angeblich verbot, unter seinem echten Namen zu veröffentlichen. Wahrscheinlich hatte er aber auch richtigen Spaß daran, die Leute zu verwirren. Für seine geniale Kolumne Cruiskeen Lawn, die ab 1940 in der Irish Times erschien, dachte er sich noch ein weiteres Pseudonym aus, Myles na Gopaleen. 1939 erschien sein erster Roman ‘In Schwimmen-zwei-Vögel’, war erfolgreich und wurde hoch gelobt, unter anderem von James Joyce, der in O’Brien a real writer with a true comic spirit entdeckte. Zuständiger Lektor war ein Herr namens Graham Greene, und hier wird die Sache nochmal interessanter, der zweite Roman nämlich, im Original The Third Policeman, wurde aus unerfindlichen Gründen abgelehnt und erst 1967, ein Jahr nachdem O’Brien, passenderweise am 1. April, gestorben war, veröffentlicht; und Graham Greene wurde bekannt mit dem Drehbuch zu einem Film namens The Third Man (Der Dritte Mann), der zwar inhaltlich nichts mit O’Briens Geschichte zu tun hat, der Titel aber ist scheinbar geklaut. Wie dem auch sei, Der Dritte Polizist ist ein Buch, das man gelesen haben sollte, am besten natürlich im Original, die deutsche Übersetzung von Harry Rowohlt ist aber ein brauchbarer Ersatz.

Versumpft

Sven Regener, Herr Lehmann, Eichborn Berlin, 36 DM,
Frank Goosen, Liegen Lernen, Eichborn Verlag, 39,80 DM

Zwei Autoren, die ähnlich alt sind und scheinbar ähnliches erlebt haben. Beziehungsweise die Figuren haben ähnliches erlebt. Und beide, also die Autoren, sind keine “gelernten” Schriftsteller, sondern haben ihren Bekanntheitsgrad anderen Tätigkeiten zu verdanken: Sven Regener ist hauptberuflich Sänger und Texter der Band Element of Crime, Frank Goosen war lange Zeit Hälfte von Tresenlesen und macht auch danach eigentlich in Kabarett. Und beide legen jetzt ihren jeweils ersten Roman vor. Herr Lehman kommt eigentlich aus Bremen, wohnt aber in Westberlin (was eine Rolle spielt, denn das Ganze handelt 1989) und wird bald dreißig. Und deswegen nennen ihn seine Freunde, die wie er entweder in Kneipen arbeiten oder anderweitig zum Inventar gehören, beim Nachnamen. Das geht ihm zwar auf die Nerven, wie er ausdauernd betont, aber wirklich dagegen tut er nichts. Wie er überhaupt nicht wirklich viel tut. Er verliebt sich kurzzeitig, prügelt sich manchmal, versumpft ein ums andere Mal und guckt seinem besten Freund Karl beim Verrücktwerden zu. Er bekommt Besuch von seinen Eltern, was ihn verunsichert, und wird zu einem Botengang in den Osten geschickt, was dem Buch seine lustigste Szene beschert, in der Herr Lehmann von Grenzbeamten der DDR verhört wird. Und dann passiert doch noch etwas, er muß Karl ins Krankenhaus bringen, sein Geburtstag beginnt und er fängt an sich zu besaufen, alleine, und dann fällt die Mauer, was er sich sympathisch desinteressiert anguckt. Und dann ist das Buch auch schon vorbei. Frank Goosens Held heißt Helmut und ist Anfang der Achtziger im Ruhrgebiet sechzehn Jahre alt. 300 Seiten später ist er neununddreißig und hat gerade so etwas wie eine verfrühte Midlifecrisis hinter sich gebracht. Zwischendrin lebt er so vor sich hin, macht einen Doktor in Geschichte und hat Probleme mit Frauen. Vor allem mit der einen Jugendliebe, der er ständig hinterhertrauert. Wegen der er sogar nach Berlin fährt, wo, Überraschung, gerade die Mauer gefallen ist. Ermüdend ist vor allem die Tatsache, daß außer den Frauengeschichten und ihrer ausgiebigen Reflexion nicht viel passiert. Einzelne Episoden sind in beiden Büchern lustig und auch der Erzählton ist durchweg angenehm, so daß man sich nicht langweilt, sondern die Bücher schnell und trotzdem entspannt durchlesen kann. Lektüre für den Sommer vielleicht, obwohl der jetzt vorbei ist, aber wenn’s draußen kalt ist macht drinnen Lesen ja auch Spaß.