Sag nie mehr Ding

Wolf Haas, Das Wetter vor 15 Jahren, Hoffmann & Campe 2006, 18,95 €

Eigentlich nur konsequent: Wolf Haas hat in seinem letzten Roman den Erzähler um die Ecke gebracht und mußte sich schon danach der Hilfskonstruktion eines Zeitungsberichts bedienen, um den Plot einem irgendwie funktionstüchtigen Ende zuzuführen. Sein neuer Roman bleibt praktischerweise gleich in diesem erzähltechnischen Großbereich, indem er nicht einfach eine Geschichte erzählt, sondern gleich die publizistische Aufbereitung und Bedeutungssuche mitliefert. Und das geht so: abgedruckt ist ein in fünf Tage gegliedertes Interview mit dem Autor Wolf Haas über dessen neuen Roman. Metaliteratur sozusagen. Wobei die fragenstellende Literaturbeilage in ihrer Gesprächsführung nicht sonderlich virulent daran interessiert scheint, ihren Lesern den Inhalt des Romans mitzuteilen. Vorkenntnisse werden also vorausgesetzt. Man kann das alles vor dem Hintergrund postmoderner Literaturkonzepte als bewußte Dekonstruktion der Erzählerrolle lesen oder als Herausforderung an den Leser, seine Rolle als Mitautor wahrzunehmen, indem man ihm schlicht und einfach einen unfertigen oder nur zum Teil zugänglichen Text vorsetzt. Ganz im Sinne Arno Schmidts (vgl. Berechnungen, § 13) wäre Haas also ein angewandter Schriftsteller, der die von reinen Wortwissenschaftlern entwickelten Prosaformen für das breite Publikum umsetzte. Mag sein. Genauso gut denkbar ist aber auch, daß er schlicht und einfach die Schnauze voll davon hatte, sich nicht nur weiterhin der selbstgewählten Sprachbehinderung des Erzählers der Brenner-Romane zu unterwerfen, sondern außerdem auch noch Rezensionen über seine Bücher und Fanpost im gleichen restringierten Stil lesen zu müssen. Das wäre zumindest leicht verständlich.
Vollkommen unabhängig davon, was genau Wolf Haas nun inspiriert oder zu dieser Form angeregt haben mag, es hat auf jeden Fall funktioniert. Man liest auf mehreren Ebenen gleichzeitig und man hat auf allen Ebenen gleichzeitig Spaß. Besonders ins Auge fallen (vor allem den rezensierenden Literaturkritikern) die Anspielungen und Seitenhiebe auf die Prozesse und Gebräuche des Literaturbetriebs, in erster Linie das kontinuierliche Aneinandervorbeireden der Gesprächspartner, die ständige Verteidigungshaltung des Autors dem Überinterpretationswillen der Interviewerin gegenüber. Spaßbringend ist aber daneben ebenso der Plot des zur Debatte stehenden Romans, dessen sprachliche Umsetzung – ausgehend von den immer wieder wörtlich zitierten Stellen – eher müde zu sein scheint.

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