Kurt Palm, Bad Fucking, rororo 2011, 9,99 €
Den Gesetzen des Genres Kriminalroman folgend, sollte die Handlung eine Tat beinhalten und der Ordnung halber auch einen Täter. Das Beides gerne auch im Plural. Weitergehende Handlung nicht ausgeschlossen. Und wenn das Kapitalverbrechen nur als MacGuffin taugt, um Region, Milieu oder die Gesellschaft insgesamt vorzuführen.
Tote gibt es in Wien, vor allem aber im titelgebenden Ort höchstselbst, allwo sie in der Kühlkammer des Metzgers gelagert werden, weil die des Bestatters defekt ist. Daß nun etwa nicht eine großangelegte Untersuchung staatsbehördlicherseits durchgeführt wird, liegt an der durch die Anwohner beklagten Tatsache, daß Bad Fucking aufgrund von Lawinenabgängen in einer von Bergen umgebenen Sackgasse liegt. Und daran, daß die örtliche Dienststelle des landesüblichen Ordnungshüterwesens mehrere Reformschritte des Polizeiapparates nicht mitgekriegt und deswegen nicht mitgemacht hat. Stellen Sie sich die Ihnen bekannten satirischen Provinzdarstellungen vor, rechnen Sie einen Österreichbonus drauf, und dann ist es noch ein bißchen bekloppter.
Wenn Sie von der Lektüre eines belletristischen Romans Handlung im eigentlichen Sinne erwarten, gar von der Lektüre eines Kriminalromans Handlung im oben beschriebenen Sinne, dann könnte dieses Buch für Irritationen sorgen. Erwarten Sie also besser erst mal nix. Sondern lesen Sie einfach mal.
p.s.: Der Ortsname selbst ist abgeguckt, wiewohl der Autor ihm des Effekts, des Wortwitzes oder der Charakterisierung wegen den Status eines Kurortes verliehen hat.
Shakespeares Sonette. Übersetzt und mit einem Nachwort von Christa Schuenke, dtv 2011, 9,90 €
Shakespeares Sonette mal wieder. Ob es gute Gründe gibt, der Vielzahl an lieferbaren Übersetzungen eine weitere hinzuzufügen, mag man da fragen. Viel verrät uns Frau Schuenke nicht über ihre Veranlassung.
Der eigentliche Grund jedoch, weshalb sie stets von neuem übersetzt, vor allem aber immer wieder neu gelesen werden, ist wohl ihre zeitlose Thematik, mit der die Menschen sich bis auf den heutigen Tag identifizieren können. Das Einzigartige dieser Dichtung ist die Direktheit, mit der sie uns berührt.
Das spricht für die Gedichte, daß sie ein solches Sentiment bei Frau Schuenke und, so vermutet Frau Schuenke, noch bei anderen Rezipienten auszulösen vermögen. Die Frage ist, ob sie das nicht auch in den Übersetzungen von Stefan George oder Klaus Reichert könnten. Oder direkt in der wirklich romantischen Version von Schlegels und Tiecks und wem allem.
Das Nachwort ist also kaum hilfreich, zumal es sich über weite Strecken mit den beliebtesten Fragen der Shakespeareforschung beschäftigt, wer das nämlich eigentlich gewesen sei oder wer die Stücke denn im Ernst geschrieben habe. Und mit den Fragen der Shakespearesonettforschung, wer denn der Widmungsempfänger sei und wer die Adressaten. Als ob solche Fragen wirklich literaturwissenschaftliche wären und nicht vielmehr Klatsch und Kolportage. Und auch wenn Frau Schuenke solche Fragen im Nachwort nur referiert und sie für den eigenen Zugang nicht als notwendig erachtet, so räumt sie ihnen doch breiten Raum ein und halt sie damit im kulturellen Gedächtnis ihrer Leser wach.
Das Nachwort ist also kaum hilfreich. Könnte der eigenständige Wert der Neuübersetzung also in ihr selber liegen, in ihrer besonderen Aktualität, in ihrer im Vergleich zu anderen Varianten höheren Genauigkeit oder in ihrem poetischen Wert. Geschmackssache. Mir persönlich häufig etwas altbacken, nicht besonders innovativ. Eine Variante unter vielen, die weder positiv noch negativ besonders hervorsteht.
In diesem Sinne kann ich mich nur wiederholen: Zur Einstiegslektüre besser geeignet ist die mehrsprachige Reclamausgabe, die eben nicht eine Komplettübersetzung beinhaltet, sondern Original und jeweils eine Nachdichtung. Man hat also alle Sonette auf deutsch und gleichzeitig ein Panorama der Übersetzungsgeschichte. Und Anmerkungen.
Wolf Haas, Der Brenner und der liebe Gott, dtv 2011, 8,95 €
Das muß man auch erst mal können: den Erzähler rausschreiben und dann trotzdem weiter erzählen lassen. Weil er vielleicht tot, aber nicht ruhig zu kriegen ist. Und der Brenner als solcher war ja sowieso nicht wirklich weg, weil es zusätzlich zu Brennerbüchern auch Brennerfilme gibt, die zwar heißen wie Brennerbücher, aber inhaltlich nur marginal mit jenen zu tun haben.
Der Brenner also hat einen festen Job, als autofahrender Kindsbetreuer, alldieweil das arme Kind zwischen den Eltern und also zwischen München und Wien pendeln muß. Dann wird er erst das Kind los, dann der Kindsentführung verdächtigt und dann den Job los. Und dann, man ahnt es, geht er auf Kindssuche und stößt damit mehr Ent- und Verwicklungen an, als er verhindert oder aufklärt. So wie eigentlich in jedem Brennerbuch bislang. Und weil man sich zwischen München und Wien auch in der Mitte treffen kann, trifft man sich gern mal in Kitzbühel, auch um in geschäftsfreundlichem Kreis zweifelhafte Abendgestaltungen zu unternehmen. Oder eben auch gutgehende Geschäfte zu belobigen und schlechtgehende Geschäfte zu beendigen. Und sei es im Abwasser.
Da ist eine Partie zusammengekommen, wo man fast sagen muss, ein kleines Kunststück, dass man eine Scheißegrube qualitativ noch verschlechtern kann.
Aber es trifft ja die Richtigen. Und den Brenner, das auch zuverlässig in jedem Brennerbuch, in jedem Brennerfilm. Gesetz der Serie halt. Und in den Sonnenuntergang reitet er zuverlässig mit Damenbegleitung.
Sven Regener, Meine Jahre mit Hamburg-Heiner. Logbücher, Galiani Berlin 2011, 19,95 €
Frank Lehmann ist auserzählt, sagt sein Autor. Der ist zwar im Prinzip Musiker, hat aber scheinbar Freude am Verfassen von Prosa. Über die Jahre, häufig zum Anlass von Buch- oder CD-Veröffentlichungen, gerne auch auf Tourneen oder Buchmessen, hat Sven Regener Blogs geschrieben, okkassional und zeitlich begrenzt im Auftrag diverser Websites. Stückwerk also, Feuilleton. Sowas wird meistens im Rahmen einer posthumen Werkausgabe in mühevoller Kleinarbeit aus Zeitungsarchiven zusammengesucht und fachmännisch kommentiert in Band 27, Teilband 3b, veröffentlicht.
Oder man macht es selbst. Auch schön. Zumal, auch darin sind Regeners Blogs regelmäßigen Zeitungskolumnen nicht unähnlich, Motive und Figuren immer wieder, besser: immer mal wieder, ungeachtet der Medienwechsel, auftauchen und sich in das Textgeschehen einmischen. Regeners Nemesis hört dabei auf den Namen Hamburg-Heiner und nimmt sein Mitspracherecht bevorzugt telefonisch wahr.
Gesabbel auf hohem Niveau. Und wenn Frank Lehmann schon fertig ist wenigstens eine Abwechslung.
Ralf König, Prototyp, Rowohlt 2008
Ralf König, Archetyp, Rowohlt 2009
Ralf König, Anityp, Rowohlt 2010
Erstaunlich, wie ermüdend Provokation manchmal sein kann.
Denn es spricht ja nix gegen Religionskritik. Oder Bibelkritik. Und es spricht auch nix gegen ein re-telling biblischer Geschichten, ein vom Text abweichendes Nach- und Neuerzählen.
Unredlich ist es, aus dem, was man gerade bewußt und explizit anders als der Text erzählt hat, Rückschlüsse oder Folgerungen zuungunsten des Textes abzuleiten. Wenn laut Bibel Noah ein töfter Kerl war, der als Einziger aufgrund seiner Töftigkeit nicht untergehen soll, dann ist das die eine Geschichte – die man kritisieren kann. Oder man erfindet einen Parallelnoah, der ein talibanesker Irrer ist, und der den eigentlich eher indifferenten Gott zur Sintflut nötigt – was als Parallelfiktion unterhaltsam oder auch instruktiv sein kann.
Aus dem, was man gerade im Widerspruch zum im Text Gesagten erfunden hat, sollte man aber keine Argumente gegen den Text ableiten.
Gelungener ist der dritte Teil der Trilogie, der sich mit Paulus beschäftigt und sich dabei tatsächlich mit dem, was Paulus gesagt und geschrieben hat, auseinandersetzt. Daß der Autor dabei großen Anstoß an Paulus’ Meinung zur Homosexualität nimmt und diese deswegen in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt ist zwar etwas einseitig, aber vertretbar.
Eine wirklich provozierende, argumentative Auseinandersetzung mit Kritikwürdigem wäre sicher spannender, wäre aber wohl von einem Comic zu viel verlangt.